„Ich sehe keine Alternative zum Dialog“ – Gespräch mit Mohammad Khatami
Mit großem Engagement wollte Mohammad Khatami in seinen zwei Amtsperioden als iranischer Präsident die Reform der Zivilgesellschaft voranbringen. In einem komplexen iranischen Machtsystem hatte er dabei enorme innenpolitische Hürden zu überwinden. Im Auftrag der Vereinten Nationen befasst sich Khatami derzeit mit dem Aufbau einer Stiftung, die sich mit der praktischen Umsetzung des Dialogs zwischen den Kulturen befassen soll.
Hartkemeyer: Herr Khatami, der Dialog war für Sie in Ihrer Amtszeit ein bestimmendes Motiv. Doch scheinbar hat sich in der Welt der Kultur und der Politik eher das Gegenteil entwickelt?
Khatami: Ich freue mich, dass Sie im Bereich des Dialogs eine systematische Zusammenarbeit mit dem Iran eingeleitet haben und dass dieser Ansatz im Zusammenhang mit dem „Dialog zwischen Kulturen“ steht. Ich sehe das Verhältnis Ihrer Arbeit zu unserem Ansatz wie das zwischen Logik und Philosophie. Sie sprechen einerseits von der Technik des Dialogs und auf der anderen Seite geht es um den Inhalt.
Warum ist der Dialog zwischen den Kulturen so bedeutungsvoll für Sie?
Er ist deshalb von Bedeutung, weil dadurch der Kampf zwischen den Kulturen entschärft wird. Die Tatsache Ihrer praktischen Dialogarbeit im Iran ist ein positives Beispiel dafür , dass er auch konkrete Auswirkungen hat und keine rein philosophische Theorie bleibt.
Es darf nicht sein, dass Huntington mit seiner These des „Clash of Civilizations“ recht behält. Natürlich haben wir uns immer auch mit der Last der Geschichte auseinander zu setzen.
Huntingtons Denken widerspiegelt aus meiner Sicht die Lage im 18. und 19. Jahrhundert. De westliche Welt sah sich als die alternativlose moderne Zivilisation. Dazu kamen massive ökonomische Interessen und diese gipfelten im Imperialismus. Die Allgemeingültigkeit dieser Denkform wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch den Marxismus in Frage gestellt. Während wir im 18. und 19. Jahrhundert die Alleinherrschaft der westlichen Welt sahen, können wir im 20. Jahrhundert vom Zeitalter der Selbstbehauptung der Kulturen sprechen.
Was bedeutet die These des Kampfes zwischen den Kulturen für Sie?
Davon können wir nur sprechen, wenn wir die Möglichkeit des Zusammenlebens mit anderen negieren. Die Idee Huntingtons ist für mich der Versuch, die Alleinherrschaft der westlichen Zivilisation wieder herzustellen. Und Fukuyma liefert mit seiner These vom „Ende der Geschichte“ den theoretischen Überbau. Danach ist die Liberaldemokratie die höchste und vollkommenste Form der Gesellschaft. Die US-amerikanische Gesellschaftsform ist das anzustrebende Ideal, das die anderen Völker akzeptieren sollen. Die Ideologie der amerikanischen Neo-Konservativen basiert auf dem Glauben, sie hätten den Auftrag, anderen Kulturen ihr Modell und ihre Werte aufzuzwingen, wenn nötig, mit Gewalt.
Was ist die Alternative?
Wir schlagen den „Dialog der Kulturen“ vor. Denn wir gehen davon aus, dass es andere Wege des Zusammenlebens geben muss als Kampf und Gewaltanwendung.
Dazu gehört, dass die Beteiligten sich nicht als alleingültige Träger der absoluten Wahrheit betrachten, sondern dass sie bereit sind, durch den Dialog etwas Gemeinsames zu finden.
Wer aber vertritt die westliche Kultur oder die islamische Welt, wenn Sie von einem Dialog zwischen beiden reden?
Es gibt in der islamischen Welt eine Minderheit, die im Hinblick auf Traditionen von Äußerlichkeiten geprägt sind. Darunter gibt es auch Gruppen, die jede Art von Erneuerung ablehnen, so die Terroristen.
Der Terrorismus wird aber doch getragen von der Haltung „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns?“
Basierend auf diesem Grundsatz rechtfertigt man jede Gewaltanwendung gegen jeden, der „nicht mit uns ist“ und erlaubt uns ihn zu eliminieren. Dies ist der gemeinsame Nenner zwischen den amerikanischen Neo-Konservativen in den USA und der Alkaida von Herrn Bin Laden.
Wenn wir vom Dialog reden, so meinen wir, dass weder Herr Bin Laden die islamische Welt vertritt, noch die Neo-Konservativen in Amerika für die westliche Kultur und Zivilisationen spreche.
Wie ich schon am Anfang erläuterte, basiert die heutige Krise in de Welt im aggressiven Verhältnis zwischen Völkern. Es ist in der Sichtweise verwurzelt, jeweils das absolute Recht und die Vollkommenheit allein für sich in Anspruch zu nehmen. Stattdessen versucht die Idee des Dialogs der Kulturen, die gleichberechtigte Annäherung und das friedliche Zusammenleben aller Beteiligten zu ermöglichen und somit die dazwischenliegenden Spannungen zu entschärfen.
Über den Dialog kann man keinen Vertrag machen, wie über die Herstellung von Automobilen. Dialog ist ein Projekt, das die Menschheit aus einer großen Krise herausführen kann. Wenn wir die Weltlage verändern wollen, brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Ich sehe zum Dialog zwischen den Kulturen keine Alternative.
„Wir müssen zuhören lernen“ – Gespräch mit Dr. Mogghaddam
Dr. Hartkemeyer: Was ist für Sie das Wichtigste am Dialog?
Dr. Moghaddam: Die wichtigste Qualität ist für mich das Zuhören. Das scheint einfach zu sein, aber es ist das Schwierigste. Vor allem dann, wenn man das Gefühl hat, dass es um „Wahrheit“ geht.
Ist die Wahrheit für Sie denn teilbar?
Das nicht. Aber die Wahrheit ist größer als sie ein Einzelner verkörpern kann. es scheint eine Überschätzung zu sein, wenn wir uns persönlich im Besitz der Wahrheit wähnen. Das zerstört den Dialog.
Ist für Sie der Dialog zwischen den Glaubensrichtungen eine besondere Herausforderung?
Ich glaube schon. Denn Vertreter von Religionen scheinen sich besonders im Besitz der Wahrheit zu wähnen, obwohl das Hören in den heiligen Schriften eine besondere Rolle spielt. Ich denke an den Koran.
Auch in der Bibel steht geschrieben: „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ Hierbei ist die besondere Qualität des Zuhörens gemeint, wo man sich gegenseitig einen neuen gemeinsamen Bedeutungshorizont eröffnen kann.
Diese Qualität meine ich. Ich war Teilnehmer einer interreligiösen Konferenz, an der nicht nur die monotheistischen Religionen wie Islam, Christentum und Juden vertreten waren, sondern auch Buddhisten und andere. Der buddhistische Vertreter meinte: „Es ist schwierig miteinander ins Gespräch zu kommen, da Ihr euch doch als allein selig machende Religion versteht.“. Ich sagte daraufhin: „Es gibt so viele Wege zu Gott wie es Menschen gibt“. Er war verdutzt und fragte, ob das meine wirkiche Meinung sein. Als ich bejahte, stand er auf und umarmte und küsste mich.
Wo sehen Sie derzeit die größten Probleme im internationalen Dialog?
Ich bin tief betroffen, dass im Westen so viele Menschen den Islam in einem Atemzug mit dem Terrorismus nennen. Als wenn die derzeit größte Gefahr für die Menschheit von uns ausginge. Wir leiden darunter sehr. Ich kann nicht verstehen, wie dieses Bild, das früher vielleicht bei wenigen unterschwellig vorhanden war, ein solches Massenphänomen geworden ist. Natürlich gibt es im Islam Fanatiker so wie es sie auch bei Juden und Christen gibt, aber dieses Phänomen bereitet mir große Sorgen. ich bin deshalb sehr erfreut, dass Sie das Dialogprojekt in Persien unterstützen. Ich lade Sie ein, dies tatkräftig zu tun, weil Ihr Ansatz – soweit wir das material studiert haben – so praxisorientiert und konkret anwendbar ist. Ich glaube, wir müssen alle das Zuhören lernen. Das ist das wichtigste im Dialog.