Das Dialogprojekt

"In einem gewissen Sinne ist der Mensch ein Mikrokosmos des Universums, daher ist das, was der Mensch ist, ein Hinweis auf das Universum. Wir sind vom Universum umhüllt." (David Bohm)










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Referenzen des Projekt-Teams
Referenzen Andere
Dialogbilder
Was ist Dialog?
Der Dialog als lehr- und lernbare Disziplin
Neue Gesprächskultur durch den Dialog

 

30.01.10
Referenzen des Projekt-Teams
Referenzen des Projekt-Teams (Auswahl)
Dr. Martina und Dr. Johennes F. Hartkemeyer,
Prof. Dr. L. Freeman Dhority
und Dipl. Päd. Steffi Dobkowitz


Organisation
Bereich
Thema
Jahr

Bundeszentrale für politische Bildung

Interkulturelle
Bildung
Modellprojekt zur Aus- und Fortbildung von Dialogmoderatoren 2010 / 2009
ICP
Institut für Konfliktbearbeitung
und Friedensentwicklung
Friedensbildung Ausbildung zur Dialogprozess-Begleitung 2010 /
2009
Jugendamt Dortmund,
Fachreferat Elternbildung
Elternbildung
Erziehung
Dialog und Spiritualität 2010 /
200
9
Tonhalle-Orchester Zürich
Kunst Die Kunst des Dialogs 2009 /
2008
Krischanitz & Nöbauer Organisationsberatung Lernende
Organisation
Miteinander Denken 2008
Schweizer Fachverband der Geriatrie-, Rehabilitations- und Langzeitpflege Soziales Führungslehrgang 2008
Jugend- und Bildungshaus
St. Arbogas
t
Vorarlberg / Österreich
Lernende Organisation Dialog und Emotionen 2008
Deutsche Gesellschaft für Coaching
Lernende
Organisation
Workshop: Dialogische Ansätze im Coaching 2008
D-Wald
Michelbach
Lernende Organisation Einführung in den Dialog 2008
Freinet
Kooperatiive.V.
Erziehung Sich mit Kindern
verständigen
2006
Friedrich-Ebert-Stiftung
Weiter- / Fortbildung
Dialogprojekt im Iran: Ausbildung für Führungskräfte 2006 /
2005
Interkulturelle
Bildung
Dialog-Seminare für Moderatoren im Europäischen Projekt für interkulturelles Lernen (EPIL) 20008 /
2007/2006
Landeshauptstadt
Dresden, Kindertages-einrichtungen
Erziehung Mit Kindern im Dialog 2006
Medizin Bewusstheit durch Begegnung 2002
Internationale Gesellschaft für Tiefenpsychologie e.V. Tiefenpsychologie Dialog-Einführung 2002
Hanns-Lilje-Stiftung Ökologie / Umwelt Gentechnik in der Landwirtschaft 2002
Universität Witten / Herdecke
ICCE
Interkulturelle Bildung Dialogue Project Namibia 2001-2004
Die Volkshochschule
Stadt Osnabrück
Bildung Ausbildung zur Dialogprozess-Begleitung seit
1999
Internationale
ERICH FROMM Gesellschaft
Psychologie Ökologie / Umwelt Dialog-Workshop 1996
Deutsche Bundesstiftung Umwelt Ökologie / Umwelt Umweltkommunikation 1990 / 1991
Bundesverwaltungsamt Köln Politische Bildung Ost-West-Integration
und Dialog
1987-1990





31.01.10
Referenzen Andere
Referenzen (Auswahl)
Von L. Freeman Dhority und Martina Hartkemeyer
ausgebildete Dialogprozess-BegleiterInnen

Letze Änderung: 23.06.2010



Johannes Schopp*
Stadt Dortmund, Jugendamt


Organisation Bereich Thema Jahr
Pädagogische Hochschule Tirol
Fortbildung Dialogbegleitung nach dem Konzept "ELTERN STÄRKEN - Ermutigung zum Dialog (Zertifizierungskurs) 2011
2010
 Weiterbildung Weiterbildug zur Dialogbegleitung nach dem Konzept "ELTERN STÄRKEN - Ermutigung zum Dialog (Zertifizierungskurs) 2010
Imam Musa Sadr
Culture & Research
Institute, Teheran
 Aus- und Weiterbildung
Dialogfähigkeit in der Elternbildung nach dem Konzept ELTERN STÄRKEN in Teheran
2010
2007
Landschaftsverband
Rheinland
 Ausbidung  ELTERN STÄRKEN - Ausbildung zur Dialogprozess-Begleitung (Zertifizierungskurs  2010 / 2009

*zusammen mit Jana Wehner,
Stadt Iserlon, Fachstelle Jugendhilfe und Schule.



Melanie Lindemann
Dialogtour



Organisation Bereich Thema Jahr
Perspektivy Behinderten-Betreuung Der St. Petersburg-Dialog 2010
2009
2008



Stefan Salzgeber, Dr. Gabriele Amann

Organisation Bereich Thema Jahr
Dienstleistungen für Menschen
mit Behinderung

Der Dialog in der Begleitung behinderter Menschen 2010
bis
2007



Heinz Verst

Organisation Bereich Thema Jahr
Sozial Therapeutische Gemeinschaft
Hof Sondern e.V.

Pädagogik
Sozialtherapie
Dialog-Ausbildung
für Führungskräfte

2009
2008



Ulrike Daldrup

Organisation Bereich Thema Jahr

Arbeitswelt Berufsfelddialoge
2010




Friedeborg Röcher



Organisation Bereich Thema Jahr
Frauen Frauen als Unternehmerinnen 2010
Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg
Frauen Selbständigkeit 2010
Frauen Gruppencoaching 2010
 Friedeborg Röcher
Bildung Kreative Kommunikation entdecken 2008



Benno Kapelari

Organisation Bereich Thema Jahr

Erziehung Einführung in den Dialog
2008



Claudia Bokeloh




Organisation Bereich Thema Jahr
Lernende Organisation Der Dialog in der Praxis 2008



PD Dr. Kazuma Matoba u. Mitarb.
Universität Witten / Herdecke


Organisation Bereich Thema Jahr
Interkultureller
Dialog
Dialogue in Namibia 2004 -
2001
DaimlerChrysler Interkulturelle
Bildung
Interkulturelles Training
& Dialog
2004



Dr. Christine Findeis-Dorn

Organisation Bereich Thema Jahr
Johannes Gutenberg Universität Mainz
Sozial-wissenschaften
Der Offene Dialog - ein Weg zum kommunikativen Lernen
 
Internationale
Gesellschaft für Tiefenpsychologie
Tiefenpsychologie Die Kunst des Dialogs - würdigen statt werten 2008
Universität Bremen
Sozial-wissenschaften
Der Offene Dialog - ein Weg zum kommunikativen Lernen  
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Sozial-wissenschaften
Der Offene Dialog - ein Weg zum kommunikativen Lernen
 



Prof. Dr. Susanne Ehmer

Organisation Bereich Thema Jahr
Universität
Kassel

Unternehmen Praxis und Nutzen des Dialogs in Unternehmen (Dissertation) 2004 -
2002



Dr. Dirk Scheffler



Organisation Bereich Thema Jahr
Interdiszipli-
näre Forschung
Der Dialog zur interdiszi-plinären Verständigung in einem Sonderforschungs-bereich
2004



Andrea Raulinat

Organisation Bereich Thema Jahr
Soziales
Behinderten-Betreuung
Qualitativer Entwicklungs-Dialog seit
1995



Daniel Schmid Holz

Organisation Bereich Thema Jahr
Bildungs-
einrichtung
Institutionalisierung
des Dialogs
2004 /
2003







Organisation Bereich Thema Jahr
[Non Government
Organization]
Lernende
Organisation
Begleitung von Veränderungsprozessen 2003



Peter Pächnatz

Organisation Bereich Thema Jahr
Deutsche Leasing
Lernende Organisation Einführung des Dialogs
in ein Unternehmen
2001









21.01.06
Dialogbilder
Der Künstler und Bildhauer Werner Ratering hat zu den Kernfähigkeiten des Dialogs, mit denen wir arbeiten, Bilder gestaltet, die dazu einladen, den eigenen Assoziationen nachzusinnen und sich durch Wort und Bild neue Perspektiven zu erschließen. Neben den zehn Kernfähigkeiten hat Werner Ratering auch die Aspekte „Empathie“ und „Verbundenheit“ aufgenommen. In Dialog-Seminaren hat sich die Arbeit mit diesen Bildern als sehr fruchtbar erwiesen. Die Original-Grafiken sind an den Wänden des Instituts „alsterdialog“ zu finden.
 
Werner Ratering hat zu den Bildern eine Postkarten-Mappe herausgegeben und darin auch die Aspekte „Empathie“ und „Verbundenheit“ aufgenommen. Die Mappe enthält ebenfalls auch Karten mit Sinnsprüchen, die den Bildern zugeordnet werden können. Die Mappe ist bei Andrea Raulinat (alsterdialog) erhältlich. Die hier dargestellten Kernfähigkeiten sind "Offenheit" und "In der Schwebe halten":
 
 
 
  
 
 
Zeige ich mich offen, ohne
mich darum zu sorgen, wie der
andere darauf reagiert, werden
einige sich angesprochen füh-
len, andere nicht. Aber wer
wird mich lieben, wenn keiner
mich kennt? Ich muß es wagen
oder allein leben.
Sheldon B. Kopp
 
 
 

 

 

 
 

 

Was immer Du zu sagen hast,
lass die Wurzeln hängen,
mitsamt der Erde,
um klarzumachen,
woher sie kommen.
 Charles Olson

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 
 
 

 


 
 
 
13.01.06
Was ist Dialog?
Was der Dialog ist und was er nicht ist

Der Quantenphysiker David Bohm verwendet den Begriff Dialog im ursprünglichen Wortsinn: „dia“ heißt „durch“ und „logos“ meint „das sinnvolle Wort“ im Sinne „Bedeutung“. Der Begriff meint also das Fließen von Sinn und das Erschließen von Bedeutung um und durch die Menschen. Der Dialog soll ermöglichen, den Voraussetzungen, Ideen, Annahmen, Überzeugungen und Gefühlen von Menschen auf den Grund zu gehen, die unterschwellig ihre Interaktionen beherrschen.

Der Dialog ist also weder Diskussion, Debatte noch Disput. Diskussionen haben die Tendenz, im Sinn der englischen Wortwurzel „percussion“ (Stoß, Schlag) oder „concussion“ (Erschütterung) Dinge zu zerreißen oder zu zergliedern, selbst wenn sie mit dem Ziel begonnen werden, Gemeinsamkeit herzustellen. Andererseits ist der Dialog auch keine harmonisierende schöngeistige Konversationsübung.

Es geht bei Dialog nicht darum, sich durchzusetzen, „Punkte zu machen“, rhetorisch zu brillieren und mit der eigenen Meinung zu „gewinnen“, sondern um einen Gewinn für alle Beteiligten durch neue Einsichten und Erkenntnisse in einem kreativen Feld.

Der Prozess des Dialogführens ist ein Mittel, um deutlich zu machen, wie unser Denken abläuft. Er geht davon aus, dass alle menschlichen Schöpfungen, unsere Wertesysteme, unser Verhalten, unsere Sprache, unsere Architektur, unsere gesamte Kultur und Technik, ja sogar das, was wir für unumstößliche Realität halten – nur Anzeichen davon sind, wie wir denken. Diese Annahme führt zu der Perspektive, dass wir, wenn wir die Grundlagen der heutigen Krisenerscheinungen wirklich erforschen wollen, die verschiedenen Ebenen des Denkens erforschen müssen.

Denken meint hier nicht nur die bewussten intellektuellen Ergebnisse bewusster Lernprozesse, sondern auch Emotionen, Gefühle, Wünsche, Absichten, Unterstellungen, Ängste. Auch das sogenannte rationale Denken ist hier gemeint, als Ergebnis vorausgegangener Denkprozesse, die die Realität in Paradigmen interpretiert und in Regeln gefasst hat. Es ist durch historische Begrenzungen bedingt sowie durch geschlechts-, macht- und kulturbedingte Traditionen eingefärbt.

(Die Grafik stammt von dem Salzburger Christian Tschepp - www.christian-tschepp.at - dem wir für die Wiedergabe-Erlaubnis herzlich danken.)

14.01.06
Der Dialog als lehr- und lernbare Disziplin
 „Wir müssen lernen, uns selbst zuzuhören und die Herkunft der eigenen Gedanken zu erforschen.“

Ein Interview mit Johannes F. und Martina Hartkemeyer


Süddeutsche Zeitung: Personalverantwortliche, Manager, Schulreformer klagen, dass mangelnde Kommunikations-fähigkeit das größte Hindernis bei der Schaffung lernender Unternehmen und Organisationen sei. Sie haben nun ein Buch über den Dialog geschrieben: „Miteinander denken - das Geheimnis des Dialogs“. Wollen Sie behaupten, es gäbe eine Patentlösung?

Hartkemeyer: Nein, aber es existiert ein Schlüssel für das Kommunikationsproblem. Dialog ist eine lehr- und erlernbare Disziplin. Dialog ist für mich ein Prozess des permanenten Hinterfragens unserer Annahmen. Gewöhnlich bleiben wir an der Oberfläche unserer Möglichkeiten und teilen uns nur Gedachtes mit. Das heißt, wir setzen entweder eigene Ansichten gegen gegnerische durch, oder wir kehren Probleme aus Höflichkeit unter den Teppich. So kommen wir kaum zu neuen Ideen.

SZ: Verantwortliche müssen Entscheidungen treffen. Wollen Sie alle möglichen Sichtweisen gelten lassen?

Hartkemeyer
: Ja. Das klingt vielleicht paradox. Wenn sie aber akzeptieren können, dass der andere seine Meinung hat und weder versuchen, dessen Meinung oder ihre eigene Meinung zu ändern, verändert sich die Kommunikation. 

SZ: Das ist klar. Aber es geht doch um die Frage: Wie kann etwas Gemeinsames gefunden werden?

Hartkemeyer: Ein Beispiel aus der Produktion bei Ford: Dort stellten Manager fest, dass immer, wenn sich die Mitarbeiter eingestehen mussten, dass sie ihren Zeitplan für ein bestimmtes Projekt nicht einhalten konnten, ein bestimmter Prozess in Gang trat. Zugegebene Verzögerungen führten dazu, dass Senior-Manager intervenierten und über Bestrafungen, also Sanktionsmaßnahmen nachdachten, um das System zu kontrollieren. Das entmutigte die Ingenieure, absehbare Verzögerungen rechtzeitig einzugestehen, und führte dazu, dass in anderen Bereichen Verzögerungen auftraten, die hätten vermieden werden können. Im Dialog wurde allen klar, das dieses Interaktions-muster zum Gegenteil dessen führte, was sie wollten. Heute versuchen sie, ehrlicher und offener miteinander zu kommunizieren. 

SZ: Das hört sich gut an. Doch wie bringt man Menschen dazu, ehrlicher und offener miteinander zu kommunizieren?

Hartkemeyer: Erst mal muss der Wille da sein, für andere Meinungen offen zu sein. Das ist schon mal nicht einfach: Wir setzen uns ständig in Beziehung zu unserer Umwelt, bewerten unablässig: Ist das besser, schlechter, größer, kleiner, schöner, hässlicher? Eine endlose Folge von Bewertungsschritten begleiten uns Tag für Tag, und wir konstruieren daraus unsere Wirklichkeit. Um jedoch offen miteinander kommunizieren zu können, müssen wir unsere Bewertungen oder gar Urteile in der Schwebe halten. Wir müssen uns selbst zuhören und die Herkunft der Gedanken erforschen, um nicht Gefangener des eigenen begrenzten Weltbildes zu bleiben. Außerdem müssen die äußeren Rahmenbedingungen stimmen.

SZ: Inwiefern?

Hartkemeyer: William Isaacs, Leiter des Dialog-Projektes am Massachusetts Institute of Technology sagte einmal: No container, no dialogue. Das heißt, es ist wichtig, dass die Dialogteilnehmer einen gemeinsamen Vertrauensraum schaffen. Ein Dialog lebt von Gegensätzen, Intensität und Kühe, Höhen und Tiefen. Diese Stimmungen müssen die Teilnehmer aushalten, und da ist der Baum sehr wichtig. Außerdem ist es sinnvoll, dass ein „Facilitator“ den Prozess begleitet. Seine Aufgabe ist es, den Teilnehmern klar zu machen, um was es geht: nämlich um das Erlernen, einen Dialog zu führen. Sonst verfallen die Teilnehmer in eine Diskussion, wollen schnell Entscheidungen treffen, Probleme lösen.

SZ: Welche Praxisfelder für den Dialog als Methode haben sie erkundet?

Hartkemeyer: In Kansas bei einem Stahlunternhmen, das sich in einer existenziellen Krise befand, wurde der Dialog zwischen dem Management und der Gewerkschaft eingesetzt. Das Unternehmen ist heute saniert. Ein weiterer Projektstandort war Grand Junction in Colorado, wo die Verantwortlichen des Gesundheitswesens besser zusammen arbeiten sollten. Dieses Experiment ist jetzt Vorbild für das National Healthcare Forum. In Boston suchte man mit Verantwortlichen der Stadtverwaltung nach Wegen, um den Problemen einer multikulturellen Gesellschaft zu begegnen. Interessant ist auch, dass der amerikanische Kongress versucht hat, mit einer großen Anzahl von Abgeordneten in eine Wochenendklausur zu gehen und Dialog zu lernen. Auch sie sind es leid, sich nur Schlammschlachten zu liefern.

SZ: Haben Sie Erfahrungen in anderen Kulturen?

Hartkemeyer: Wir haben Beispiele aus Kirgisien, Hawaii und Israel. Wichtig ist uns aber auch, den Dialog im prakti-schen Alltag zu zeigen. Beispiel Schule. Unsere Erziehung vermittelt immer noch: Wissen ist wichtig, und Fehler sind ein Problem. Wir vergessen, wie wir über einen Fehler- und Suchprozess laufen und sprechen gelernt haben. Und wir übersehen, daß nur eine Haltung des offenen Lernens Kreativität bedeutet. Was will ein Wissender schon noch lernen?

 

 

14.01.06
Neue Gesprächskultur durch den Dialog

Viele Menschen sind unfähig, ehrlich und offen miteinander zu reden / Ein Plädoyer für eine neue Gesprächskultur

Von Horst Siebert

Der Dialog ist ein zentrales Thema der abendländischen Philosophie. Von Sokrates bis Martin Buber, von Gadamer bis Habermas. Der Dialog ist nicht lediglich eine Kommunikationsform, sondern er gehört zum Wesen menschlicher Identität und des gesellschaftlichen Miteinanders. Im Gespräch mit anderen kommen wir zu uns selbst, entwickeln wir unser Selbstbewusstsein, erleben wir unsere Zugehörigkeit zu einer Verständigungsgemeinschaft, erzeugen wir eine Welt, die wir mit anderen teilen, und die sich dadurch als viabel,. als vernünftig erweist. Der Dialog hat somit eine persönliche, eine soziale und eine politische Dimension. Und dennoch sind Dialoge selten. 


Funkstille zwischen Eheleuten 

Es wird viel geredet, wenn der Tag lang ist. Es wird viel diskutiert, belehrt und informiert. Und gleichzeitig wurde errech-net, dass Ehepartner in den USA im Durchschnitt täglich weniger als vier Minuten miteinander sprechen. In der modernen Informationsgesellschaft scheinen die Fähigkeiten einer dialogischen Gesprächsführung eher verloren zu gehen. Wie David Bohm in seinem Buch „Der Dialog - das offene Gespräch am Ende der Diskussion“ schreibt „steckt eine Menge Gewalttätigkeit in den Meinungen, die wir verteidigen. Es sind nicht lediglich Meinungen; es sind Annahmen, mit denen wir uns identifizieren und die wir verteidigen, weil es ist, als würden wir uns selbst verteidigen." 

Dem Dialog geht es dagegen nicht um Positionsbehauptung oder rhetorische Eloquenz, Rechthaberei oder Durchset-zung, sondern um Verständigung. Deshalb ist es wesentlich, nicht nur gesprächsbereit zu sein, sondern auch zuhören zu können, aber auch nachzudenken, bevor man redet. Zuhören als Haltung, nicht wo kann ich widersprechen, sondern was will der andere sagen. Die Denkhaltung des Dialogs unterscheidet sich prinzipiell von der des politischen Streitgesprächs. Aus politischen Diskussionen will man als Sieger hervorgehen, man lauert darauf, den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen. 

Im Dialog ist man auch nicht an einem sofortigen Einverständnis interessiert, denn dann wäre das Gespräch sofort zu Ende, sondern man lässt sich anregen, erwartet Widerspruch, um das eigene Argument zu prüfen. Der Dialog ermöglicht ein Probedenken, eine heuristische Haltung. Im Dialog will niemand Recht haben, sondern alle wollen gemeinsam eine Sache klären. Im Dialog ereignet sich eine Koevolution, eine gemeinsame Entwicklung unter Wahrung der Indivi-dualität. Im Unterschied zu einer Sekte geht der einzelne nicht völlig in der Gemeinschaft auf und gibt seine kritische Urteilsfähigkeit nicht an einen Guru ab. Der Dialog erfordert kritische Partner, aber eine konstruktive, freundliche Kritik. 

In den 70er Jahren wurde „kritisches Bewusstsein“ an Universitäten häufig als Kunst des gewollten Missverstehens praktiziert. Dialogfähigkeit und -bereitschaft ist nicht nur eine kommunikative Kompetenz, sondern eine Haltung, und zwar sich selbst gegenüber als Bewusstsein der eigenen Individualität, anderen gegenüber als Zeichen der Anerken-nung und schließlich der Gesellschaft, der Umwelt gegenüber. Damit rückt der Dialogbegriff in die Nähe des Bildungs-begriffs im Sinne Hartmut von Hentigs: „Die Menschen stärken und die Sachen klären.“


Dialog schafft Nähe 

Der Dialogbegriff wird vorwiegend auf Zweiergespräche oder Gespräche in kleinen Gruppen bezogen. Angesichts wachsender Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse und damit verbundener Sprachbarrieren und Milieuunterschiede kommt dem Dialog zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Kulturen eine große gesellschaftspolitische Bedeutung zu. Die Sozialforschung hat deutlich gemacht, dass Ängste, Aggressionen, Vorurteile gegenüber anderen Gruppen zunehmen, je weniger Sozialkontakte möglich sind. Je weniger Gespräche zwischen der älteren und jüngeren Generation, zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen stattfinden, desto mehr Konflikte und sozialer Sprengstoff entwickeln sich. Obwohl der Dialogbegriff auch politisch in aller Munde ist - als Bürgerdialog, ökologischer Dialog, Dialog mit der Jugend, Dialog zwischen den Kulturen und Religionen - unterliegt Politik anderen Regeln und Rationalitäten. Dabei stelle ich nicht die Dialogbereitschaft einzelner Politiker in Frage, sondern ich denke an Politik als System, an die politischen Strukturen. Andererseits steht es auch um die politische Kultur der Öffentlichkeit nicht zum besten. Die vorherrschende Mentalität scheint die der permanenten Besserwisser, der terribles simplificateurs zu sein. Ulrich Beck stellt für die 90er Jahre fest: „An die Stelle des Schreckens tritt das Gleichgewicht der Nörgler - alle sind uneins mit allem und allen. " 

Haben wir in der politischen Bildung der 70er Jahre mehr Kritikfähigkeit eingeklagt, so müssen wir heute angesichts der Komplexität der politischen Probleme für mehr Urteilsvorsicht plädieren, für mehr Nachdenklichkeit anstelle der radika-len Lösungen ohne Rücksicht auf unkalkulierbare Folgen und Nebenwirkungen. 

In der Tat lässt sich das Dialog-Projekt als Bestandteil eines weltweiten Paradigmenwechsels betrachten. So zeichnet sich im Bildungssektor, aber auch in der Managementwissenschaft und Organisationsentwicklung, in der Psychotherapie und in Ansätzen in der Politik eine Akzentverschiebung von einem normativen zu einem interpretativen Weltbild ab. Stichworte für diese Wende der Wahrnehmung sind der Abschied von einem technologischen Machbarkeitswahn und Aufwertung von Selbstorganisation, der Abschied von dogmatischen Wahrheitsansprüchen und Anerkennung einer Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen und der Abschied von der Informationsgesellschaft (mit ihrer entmündigenden Informationsfülle) hin zu einer Kommunikations- und Lerngesellschaft.

Horst Siebert ist Leiter des Instituts für Erwachsenenbildung, Universität Hannover