Gemeinschaftshof Pente Dialogprojekt Adolf-Reichwein-Gesellschaft

Übungen

Die Linke-Spalte-Übung
                                                                                               
                                                                                               
Eine effektive Übung, die wir regelmäßig anwenden, um uns den außerordentlich starken Einfluß der unbewußten Bewertungen und Beurteilungen bewußtzumachen, ist die Linke-Spalte-Übung. Die ursprüngliche Form dieser Übung wurde von Chris Argyris an der Harvard Universität entwickelt. Die Übung verläuft folgendermaßen:

Teil 1
  

1. Erinnern Sie sich an ein Gespräch mit jemandem, das nach Ihrem Empfinden unbefriedigend verlaufen ist.

2. Teilen Sie ein Stück Papier in zwei Spalten.

3. In der rechten Spalte notieren Sie so genau wie möglich, was Sie sagten und was die andere Person sagte. Versuchen Sie, den Gesprächsverlauf so genau wie möglich in wörtlicher Rede wiederzugeben. Zum Beispiel:

    Ich sagte:
    „Ich denke, wir sollten jemand anderen für diesen Job nehmen."

    Sie sagte:
    „Oh, ich denke, Josef wäre der richtige dafür."

4. In der linken Spalte, parallel zu den Äußerungen der rechten Spalte, schreiben Sie Ihre Gefühle und Gedanken auf, die Sie nicht äußerten. Zum Beispiel:

    Ich dachte:
    „Josef ist doch völlig inkompetent." „Aber du willst ihn gerne, weil er dein politischer Verbündeter ist."

    Ich sagte:
    „Ich denke, wir sollten jemand anderen für diesen Job nehmen."

    Sie sagte:
    „Oh, ich denke, Josef wäre der richtige dafür."

5. Erzählen Sie Ihren 'Fall' einem Partner, und geben Sie ihm eine kurze Einführung in die Situation.

6. Lesen Sie Ihre rechte Spalte vor.

7. Anschließend lesen Sie Ihre rechte und linke Spalte zusammen vor.

8. Der Partner nimmt die Rolle des Coaches ein und stellt folgende Fragen:

    • Welche Aussagen - Bewertungen und Meinungen -
       befinden sich in der linken Spalte?

    • Aus welchem mentalen Modell stammen sie?

    • Warum haben Sie sie nicht ausgesprochen?

    • Was wollten Sie durch das Gespräch erreichen?

    • Ist Ihnen das gelungen? Wenn nein, warum nicht?

 

Für jede Bewertung der linken Spalte die folgende Frage:

    • Warum haben Sie nicht gesagt, was Sie dachten und fühlten?

    • Was waren die Konsequenzen davon, daß Sie nicht sagten,
       was Sie dachten und fühlten?

    • Wie beeinflußte die linke Spalte das Ergebnis des Gesprächs?

Diese Arbeitsschritte liefern das Material, um mit den Teilnehmern über das Phänomen der inneren Gespräche, die wir mit uns selbst führen, zu sprechen und darüber, wie diese inneren Gespräche die tatsächlichen, externen Gespräche beeinflussen. Der Zweck dieser Klärung unserer Beurteilungen und Gefühle, die sich in der linken Spalte verbergen, ist es, die Tiefe und Bedeutung der Annahmen und mentalen Modelle zu erforschen, welche einen entscheidenden - aber weitgehend unbewußten - Einfluß auf unser Denken und Verhalten haben.

Vor dem nächsten Schritt der Bearbeitung verdeutlicht die Dialog-Begleiterin den entscheidenden Unterschied zwischen Beobachtungen und Bewertungen. Dieser Unterschied mag dem Leser auf den ersten Blick als selbstverständlich erscheinen. Wir sind aber der Überzeugung, daß die meisten Kommunikationsstörungen oder gar -abbrüche auf die unbewußt falsche Anwendung dieser Kategorien zurückzuführen sind.

In Bewertungen liegt eine enorme Kraft - sie öffnen oder verschließen Möglichkeiten des Handelns. Wenn ich annehme, daß es heute abend regnen wird, lasse ich den Plan, 'picknicken zu fahren', fallen. Wenn ich beeindruckt bin von Peters Auftritt, könnte es sein, daß ich ihn befördere. Wenn ich entsetzt bin, könnte es sein, daß ich ihm kündige.

Wenn wir Menschen bewerten, ist es vielleicht noch wichtiger als in anderen Lebensbereichen, uns klar darüber zu sein, daß unsere Bewertungen unsere eigenen Schöpfungen sind. Sie stellen unsere Meinung dar. Sie sind keine unumstößlichen Fakten, die eine von außen vorgegebene Wahrheit darstellen. Sie mögen aus unserer Sicht begründet sein und sich auf allerlei Beobachtungen stützen, aber sie bleiben immer noch meine eigenen Interpretationen. Wenn wir diese Zusammenhänge nicht deutlich erkennen und uns immer wieder in Erinnerung rufen, vor allem mit ihrer sich selbst erfüllenden Dynamik, können sie eine erhebliche Zerstörungswirkung entfalten.

 

Teil 2
                                                                                           
Nachdem wir die Begriffe Beobachtungen und Bewertungen unterschieden haben, fahren wir mit der Linke-Spalte-Übung fort.

Der nächste Schritt ist, die linke Spalte, die unvermeidlich sehr viele Bewertungen enthält, zu nutzen, um zu sehen, wie wir mit Bewertungen umgehen. Die Übung verläuft in folgenden Schritten:

1. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiten mit denselben Partnern wie zuvor.

2. Beide Partner untersuchen die linken Spalten des jeweils anderen Partners auf
    Bewertungen.

3. Sie suchen sich ein oder zwei kritische Bewertungen heraus. Partner B (der Coach)
    fragt Partner A:

    a) Mit welchen Beobachtungen begründest Du diese Bewertungen? (Achten Sie darauf, daß diese 'Daten' nicht auch wieder Bewertungen sind.)

    b) Wie kommst du von deinen Beobachtungen zu deinen Annahmen?

    c) Welcher Zweck lag dieser Annahme zugrunde?

4. Austausch der Beobachtungen und Erfahrungen im Plenum.

Wir haben die Erfahrung gemacht, daß die Unterscheidung zwischen Beobachtungen und Bewertungen eine außerordentlich große Hilfe für eine effektive Kommunikation ist. Die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten für diese Art von Aufmerksamkeit im Fluß der Konversation ist allerdings eine große Herausforderung. Der Dialog ist ein Praxisfeld, um genau diese Fähigkeiten zu trainieren.